Absurditäten der "Prognose"-Praxis beim WDR (aus dem WDR-Dschungelbuch)
Ein Tag beginnt um Mitternacht und dauert genau 24 Stunden - wenn mann
mal von gelegentlichen Schaltsekunden absieht, mit denen Astronomen eiernde
Erdbewegungen und die Ungenauigkeiten des Kalenders aufeinander abstimmen.
Zudem hat man sich daran gewöhnt, daß je einmal im pro Jahr
ein Tag entweder 23 Stunden oder 25 Stunden dauert.
Das ist geregelt.
Völlig uneins über die Frage, wie ein Tag definiert werden
soll, ist man sich dagegen innerhalb des Westdeutschen Rundfunks. Wer in
dieser Anstalt danach fragt, was ein Arbeitstag eines freien Mitarbeiters
ist, der bekommt ganz unterschiedliche Antworten und lernt: Die Antwort
hängt ganz vom Interesse dessen ab, der gefragt ist. Zwar ist es eine
Banalität, daß das Sein das Bewußtsein und die Interessenlage
das Denken bestimmt. Doch im Falle der WDR-Tage geht die Uneinigkeit manchmal
quer und
längs durch denselben Kopf.
Im WDR gibt es nicht nur Kalendertage, sondern auch Prognosetage, fiktive
Tage, reale Tage, rein rechnerische Tage.
Also, was ist z.B. ein Beschäftigungstag einer freien Autorin?
Fragen wir die Justiziarin des WDR, so antwortet sie:
"Alles, was länger als eine halbe Stunde dauert, ist ein Tag.
Wenn Sie also für einen Kurzbeitrag im Radio an einem Tag eine halbe
Stunde mit dem Redakteur gesprochen haben, an dem nächsten eine halbe
Stunde lang Originaltöne aufgenommen, am dritten Tag eine Stunde lang
das Manuskript geschrieben und am vierten im WDR-Tonstudio das Sendeband
produziert haben, dann haben Sie vier Prognosetage für den kurzen
Beitrag gebraucht. Und an den vier Tagen vielleicht so um die 250 Mark
Umsatz gemacht." --- so geäußert auf der Redakteurversammlung
zum Thema "Prognose"
Die Justiziarin will nämlich kein Risiko eingehen. Wenn sich irgendjemand
auf eine Angestelltenstelle einklagt, während sie ihren Posten hat,
steht sie dumm da.
Der Redakteur dagegen sagt:
"Ein Tag ist das, was ich mit der Freien abgemacht habe. Wir müssen
uns auf die Daten einigen, an denen sie den Radiobeitrag gemacht hat -
dann war das so. Und sie soll mir bitte nicht später kommen und sagen,
es waren mehr Tage oder weniger. Das macht Arbeit und schafft Präzedenzfälle.
Vier Tage sind aber sowieso nicht drin. Schließlich dürfen
meine Autorinnen und Autoren nur acht Tage im Monat für den WDR arbeiten,
da kann ich das mit den vier Tagen pro Beitrag nicht einreißen lassen.
Wir müssen uns auf einen Durchschnitt einigen."
Der Redakteur möchte nämlich, daß alle seine Freien
möglichst jederzeit für ihn arbeiten können, wenn er das
wünscht. Alles andere wäre lästig und nicht gut fürs
Programm.
Ein Freier ist nicht einverstanden:
"Wenn ich an vier Tagen den Beitrag gemacht habe, müssen die auch
so registriert werden, und wenn der Beitrag noch so wenig Geld gebracht
hat."
Der Freie hat nämlich gerade eine flaue Phase - nur beim WDR natürlich
- und will ein paar Beschäftigungstage sammeln, damit sein nächster
Urlaubsantrag glatt durchkommt.
"Kommt gar nicht in Frage", antwortet ihm da die Abteilung Soziales
der Abteilung Honorare und Lizenzen (HoLi) der Verwaltungsdirektion des
Westdeutschen Rundfunks. "Ein Tag ist das, was in unserem Computer für
Sie als Beschäftigungstag registriert. Und wenn Sie das nachträglich
ändern wollen, dann müssen Sie sich mit Ihrer Redaktion darüber
einigen.
Außerdem: Vier Tage für einen Zweiminüter im Radio
- das läuft sowieso nicht. Denn bei uns zählen nicht die real
gearbeiteten Tage, sondern die Tage, die fiktiv aufgrund von Erfahrungen
in der Regel benötigt werden."
Die Abteilung Soziales möchte nämlich möglichst nicht,
daß der gerade mal nicht so voll beschäftigte Freie mit Hilfe
seiner vier Tage womöglich die Voraussetzungen für das Urlaubsentgelt
knapp erreicht. Denn man weiß es zu schätzen, daß der
Zielkorridor zwischen "der Prognose" und den Mindest-Beschäftigungstagen
laut Tarifvertrag eng ist: Sieben Tage durchschnittlich pro Monat braucht
der Freie, um Urlaubsentgelt zu bekommen, aber nur acht Tage durchschnittlich
darf er ran nach den Prognoseregeln des WDR. Noch enger ist es für
die Kolleginnen und Kollegen mit der "Viertagesprognose": 24 Tage dürfen
sie (nach den Prognoseregeln) und 24 müssen sie (nach der WDR-Auslegung
des Tarifvertrages) im Halbjahr.
Und so dreht sich das Karussell der Argumente weiter. In Zeiten
mit viel WDR-Aufträgen möchte derselbe Freie seinen Zweiminüter
am selben Tag noch drei weitere Beiträge geschrieben und produziert
haben - damit er nicht an die "Prognose"-Grenze stößt.
Dagegen möchte die Redaktion das so nicht gerne in den Computer
eingeben. Denn den WDR- Beschäftigten drohen Abmahnung und Kündigung,
wenn sie gegen die Dienstanweisungen des Intendanten zur "Prognose" verstoßen.
Das Justiziariat wiederum möchte die Kontrolle weiter verschärfen.
Am besten soll jeder Besuch in einem Schnittstudio des WDR sogleich auch
im Prognosesystem des COGHOS-Programms registriert werden - wie wäre
es da eigentlich mit einem Magnetkartensystem?
Seitdem die Redaktion reale oder fiktive Beschäftigungstage der
Freien in das Computersystem statt auf Papier eingibt, hat sich das Verlangen
der diversen WDR-Abteilungen unbändig verstärkt, die Fiktion
des Computers und die Realität der Arbeit in absolute Übereinstimmung
zu bringen. Dies ist menschlich gesehen und auch nach der Theorie der kognitiven
Dissonanz sehr verständlich - aber ein aussichtsloses Unterfangen
angesichts der unterschiedlichen Interessen, die die Sicht der Realität
prägen.
Wenn der Urlaubsantrag oder der Antrag auf Krankengeld auf dem Tisch
liegen, ist es der Abteilung Soziales der Verwaltungsdirektion des Westdeutschen
Rundfunks ganz recht. Für sie gilt nur, was auf dem Computerbildschirm
erscheint - und mag der Freie auch noch so beteuern, daß nur er alleine
wirklich wissen kann, was bei ihm ein Beschäftigungstag für den
WDR ist. Das wäre ja noch schöner.
Was der COGHOS-Computer über die Beschäftigungstage der Freien
anzeigt, dürfen die Freien selbst nach internen WDR-Regeln übrigens
nicht zu sehen bekommen. Das wäre ja noch schöner, wenn sie sich
auf das einstellen könnten, was der Bildschirm anzeigt.
(Leseprobe aus dem WDR-Dschungelbuch von Ulli Schauen)
Bitte orientieren Sie Ihren Kommentar am Thema des Beitrages.
Persönliche Angriffe und/oder Diffamierungen werden gelöscht.
Das Benutzen der Kommentarfunktion für Werbezwecke ist nicht gestattet. Entsprechende Kommentare werden gelöscht.
Bei Fehleingaben laden Sie diese Seite bitte neu damit ein neuer Sicherheitscode generiert werden kann. Erst dann klicken Sie bitte auf den 'Senden' Button.
Der vorgenannte Schritt ist nur erforderlich, wenn Sie einen falschen Sicherheitscode eingegeben haben.